Zur Geschichte von Neisse
Um 1215 gründete der Breslauer Bischof Lorenz am Schnittpunkt zweier Handelswege und am Zusammenfluss von Glatzer Neisse und Freiwaldauer Biele die Stadt Neisse. In der Nähe hatte eine slawische Siedlung namens „Nissa“ bestanden.
Neisse, in einer Urkunde vom 25. Mai 1223 zum ersten Mal erwähnt, wurde die Hauptstadt des kirchlichen Fürstentums Neisse-Ottmachau-Grottkau. Den Fürstbischöfen verdankt die Stadt sehenswerte Kunstdenkmäler, zahlreiche Kirchen und Profanbauten. Wegen der vielen Kirchen und Klöster spricht man bis heute vom „Schlesischen Rom“. Mehrere Bischöfe fanden in der St Jakobuskirche ihre letzte Ruhestätte.
Das Neisser Land gehörte als Teil Schlesiens seit 1335 zu Böhmen und seit 1526 zu Österreich. Nach dem ersten Schlesischen Krieg im Jahr 1741 wurde das Fürstentum – mit circa 2.650 km2 etwa ebenso groß wie das heutige Großherzogtum Luxemburg – in einen südlichen österreichischen und in einen größeren nördlichen, preußischen Teil zerrissen. König Friedrich der Große baute die Stadt zu einer der stärksten preußischen Festungen aus und gründete als neuen Stadtteil mit Kasernen und Festungsbauten die Friedrichstadt.
Schwere Schäden erlitten Neisse und das Neisser Land durch die Hussiten (1428), dem Dreißigjährigen Krieg, durch die Truppen Napoleons (1807) und am Ende des Zweiten Weltkriegs durch die sowjetische Armee und die deutsche Wehrmacht.
In der Stadt hatte sich über die Jahrhunderte ein reges kulturelles und wirtschaftliches Leben entwickelt. Dank des wohlhabenden Neisser Landes nannte man die Breslauer Diözese im Mittelalter das „Goldene Bistum“.
In Neisse befand sich seit 1438 eine der ältesten Stadt-Apotheken Deutschlands, 1555 wurde eine erste Buchdruckerei eingerichtet, von 1575 bis 1656 befand sich hier das Breslauer Priesterseminar, in der Barockzeit blühte das Kunsthandwerk, vor allem die Goldschmiedekunst. Seit 1852 bestand ein Stadttheater. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstanden in den Außenbezirken zahlreiche Industriebetriebe. Weit über Schlesien hinaus bekannt war das „Neisser Konfekt“, eine Pfefferkuchenspezialität.
Neisse war eine Stadt der Schulen. Bereits im 14. Jahrhundert bestand ein Pfarrgymnasium. 1832 wurde die erste Realschule Schlesiens gegründet, aus der das Realgymnasium Eichendorffschule hervorging. In der Innenstadt und in den Vororten gab es insgesamt acht Volksschulen, eine Berufsschule, eine bäuerliche Werkschule, die oberschlesische Feuerwehrschule und das Volksbildungshaus „Heimgarten“, in dem von 1923 an die ostdeutschen Hochschulwochen abgehalten wurden. Es gab ein Oberlyzeum für Mädchen, eine höhere Handelsschule sowie Gymnasien der Steyler Missionare und der Franziskaner.
Der General der amerikanischen Unabhängigkeitskriege Friedrich Wilhelm von Steuben, der Afrikaforscher Emin Pascha (Dr. Eduard Schnitzer), der Dichter Max Herrmann-Neisse, der Zoologe Doktor Bernhard Grzimek und viele andere bekannte Persönlichkeiten waren Schüler des Gymnasiums Carolinum. 1624 wurde es vom Breslauer Bischof Erzherzog Karl gestiftet, erster Rektor war der Astronom Christoph Scheiner (1573 - 1650).
Neisse ist der Geburtsort des Dichters Friedrich von Sallet (1812 - 1843), des Chirurgen Dr. Rudolf Nissen (1896 - 1981), des Nobelpreisträgers Dr. Konrad Bloch (1912 - 2000). Der Dichter Joseph Freiherr von Eichendorff (1788 - 1857) verbrachte in Neisse seine letzten Lebensjahre; er ist auf dem „Jerusalemer Friedhof“ begraben.
Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg zählte Neisse etwa 40.000 Einwohner/innen, Stadt und Landkreis umfassten 712 km2 mit etwa 110.000 Bewohner/innen. Zum Landkreis gehörten die Städte Patschkau und Ziegenhals und 103 Dörfer, von denen die meisten im 13. Jahrhundert zeitgleich mit den Städten angelegt wurden. Patschkau hat bis in unsere Tage sein mittelalterliches Stadtbild bewahrt. Bad Ziegenhals am Rand des Altvatergebirges war ein vielbesuchter Bade- und Ausflugsort.
Die Bewohner des Neisser Landes, die nach dem Zweiten Weltkrieg in der Heimat geblieben oder wieder zurückgekehrt waren, wurden während der Jahre 1945-46 fast ausnahmslos vertrieben, da die polnische Staatsgrenze nach Westen verschoben worden war. Dadurch verloren sie nicht nur ihr Hab und Gut, sondern sie erlebten unzählige Leidensgeschichten und Gräuel.
Die Stadt Hildesheim und der damalige Landkreis Hildesheim-Marienburg übernahmen im Juni 1952 die Patenschaften über die Stadt und den Landkreis Neisse, die bis heute lebendig gepflegt werden. Zur jetzigen Bevölkerung und zu Kommunalpolitikern des heute polnischen Nysa bestehen vielfältige und freundschaftliche Beziehungen.
Die vollständige Version des Berichtes lautet "Zur kulturhistorischen Bedeutung der Stadt und des früheren Fürstentums Neisse und des heutigen Neisser Kultur- und Heimatbundes" und wird voraussichtlich im Neisser Heimatblatt Nr. 312 veröffentlicht. Oder Sie finden Sie unter dem folgendem Link: Neisser Geschichte
Autor: Andreas Quaschigroch - Bundesvorsitzender des Neisser Kultur- und Heimatbundes
